Während Sie schlafen, ist Ihr Gehirn dreifach aktiv für Selbstheilung.

Durchschnittlich circa 86 Milliarden Neuronen enthält Ihr Gehirn. Diese Nervenzellen bilden die Basis für dessen erstaunliche Leistungsfähigkeit. Die Länge aller Nervenbahnen eines Erwachsenen beträgt in etwa 5,8 Millionen Kilometer, das entspricht dem 145-fachen Erdumfang. Es macht 2 % der Körpermasse aus, verbraucht mit etwa 20 Watt aber circa 20 % des Grundumsatzes (Ruheenergiebedarf, oft auch Ruheenergieverbrauch) bei einem Neugeborenen laut Wikipedia 50 Prozent.

Während wir wach sind, verbraucht unser Gehirn gierig Vorräte an wichtigen Ressourcen.

Dr. Marc Dingman, Seite 73 im Buch „DAS GEHIRN“

Während des Schlafes legt das Gehirn bei diesem enormen Energiebedarf allerdings eine Pause ein. Es steht uns nicht zur Verfügung, sondern fokussiert sich darauf, seine leeren Speicher mit lebensnotwendigen Substanzen wie Aminosäuren, Adenosintriphosphat und Glucose (wichtigster Energielieferant) wieder aufzufüllen. Wir müssen also ein Drittel unseres Lebens ohne Bewusstsein sein, damit der dreifache Zweck des Schlafes erreicht werden kann. Welcher das ist und was das mit Selbstheilung zu tun hat, erfahren Sie hier.

Was macht das Gehirn in der Nacht?

Wir müssen schlafen, um Energie zu sparen und zugleich wieder aufzutanken, giftige Substanzen loszuwerden und aus dem tagsüber Erlebten Erinnerungen zu bilden. Da wir keine gute Nachtsicht haben, ist es evolutionär gesehen sinnvoll, dass wir nachts schlafen, weil es einerseits die unproduktivste Zeit für uns ist, wobei andererseits die Gehirnaktivität aber nicht aufhört.

Obwohl es sich beim Schlafen so anfühlt, als tue sich nichts, ist das Gehirn sehr aktiv. Das scheinbare Paradox: Das Gehirn schläft nie, braucht aber unseren erholsamen Schlaf.

Es bringt den Energie-Haushalt wieder in Ordnung, betätigt sich als Putzdienst und Müllabfuhr und verarbeitet in den Träumen lebhaft das im Wachzustand Vorgefallene. Während der REM-Phase gleicht unsere Hirnaktivität, mit EEG messbar, den Mustern im wachen Zustand.

Drei Funktionen als wahrer Zweck des Schlafes

Der Schlaf hat die drei bereits genannten wichtigen Funktionen.

  • Erholsame Funktion
  • Toxische Abfallprodukte beseitigende Funktion
  • Gleichgewicht haltende Funktion von Erinnern und Vergessen
Verschiedene Regionen sind für verschiedene Phänomene zuständig. Der Hippocampus zum Beispiel für unser Gedächtnis.
Die Neurowissenschaft kartografiert das Gehirn. Die beiden Hippocampi sollen das Zentrum für unser Gedächtnis sein. Foto: pixabay

Durch gezieltes Vergessen können wir wieder Neues lernen

Während wir schlafen, verarbeitet das Gehirn die Erfahrungen des Tages. Die Neurowissenschaft hat mittlerweile gezeigt, dass wir unsere täglichen Erlebnisse im Schlaf noch ein Mal durchleben. Diese Wiederholung finden im Hippocampus statt, der relevanten Region für das Gedächtnis. Diese Hypothese bietet an, dass Schlaf für die Gedächtnis-Konsolidierung wichtig ist. Um wichtig von unwichtig zu unterscheiden, selektiert das Gehirn. Wie das genau funktioniert, ist nach wie vor Gegenstand der Hirnforschung. Im Schlaf wird alles Erlebte geprüft, Wichtiges als Erinnerungen gespeichert und Unwichtiges vergessen. An die wichtigen Ereignisse können wir uns dann besser erinnern, was immer schon überlebenswichtig war und bleibt.

Um zu vergessen werden die Verbindungen einzelner Hirnzellen geschwächt oder gänzlich getrennt. Diese Auffassung geht davon aus, dass es diesen Vorgang braucht, um das Gleichgewicht von Erinnern und Vergessen zu halten. Durch das gezielte Vergessen während des Schlafes können wir am folgenden Tag wieder Neues lernen.

Schlaf ist für die Konsolidierung und Integration der im Laufe des Tages gelernten Informationen von entscheidender Bedeutung. Weil sich gezeigt hat, dass Schlafstörungen das Abrufen von Informationen vom Vortag erschweren können. Wer mit sich selbst im Reinen ist, sollte fit für den nächsten Tag sein.

Unser Gehirn entsorgt den eigenen Müll. Foto: Anna Shvets auf Pexels

Giftige Proteine werden abtransportiert

Wir sollten ausreichend schlafen, damit das Gehirn die krankheitsvorbeugenden Instandhaltungsarbeiten durchführen kann, damit es am nächsten Tag wieder wie geschmiert laufen kann. Es befreit sich von Giftstoffen, die sich während des wachen Zustandes ansammeln. Durch diesen Abtransport können Krankheiten wie zum Beispiel Alzheimer abgewehrt oder verzögert werden.

Während wir wach sind, sammeln sich Abfallprodukte in der Flüssigkeit zwischen den Zellen unseres Gehirns. Dieser Müll beinhaltet Proteine, zum Beispiel Amyloid-Beta- und Tau-Proteine, deren Aufbau mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer zusammenhängt. Während des Schlafes, laut einer Studie bei Mäusen, ist der Fluss von Liquor cerebrospinalis (CSF) durch das Gehirn erhöht.

Eine der wichtigsten Aufgaben von CSF ist die Abfallbeseitigung. Eine Erhöhung des CSF-Flusses erleichtert die Entfernung dieser schädlichen Proteine. Der zirkulierende Liquor ist also ein Transportmedium, insbesondere für den Mikro-Kreislauf des Gehirns zur Beseitigung von nicht verwertbaren organischen Rückständen. Er gehört somit laut Wikipedia zu dem 2012 entdeckten glymphatischen System (Glymphatisches System: Entsorgungsnetzwerk für Abfallstoffe im Zentralnervensystem (ZNS), also in Gehirn und Rückenmark).

Dieser erhöhte CSF-Fluss und die somit mögliche Abfallentfernung soll auch ein Merkmal des menschlichen Schlafes sein. Das erklärt, warum festgestellt wurde, dass schlechte Schlafqualität und kürzere Schlafdauer mit einer höheren Anhäufung von Amyloid-Beta-Proteinen verbunden ist.

Im Schlaf Vorräte anlegen

Das Gehirn ist hungrig nach Energie. Tagsüber hat es aber oft keine Zeit, diesen Hunger zu stillen, weil wir es permanent nutzen. Daher sind Pausen wichtig, damit es leere Speicher wieder auffüllen kann. Schlaf ist lebensnotwendig, weil das Gehirn während dieser stundenlangen Pause die nötige Energie aufnehmen und in Ruhe speichern kann und sich wieder so erholen kann. Während dieser Zeit sind wir bloß Gehirn-Besitzer, aber keine Gehirn-Nutzer (Wortschöpfungen siehe Vera F. Birkenbihl) und das ist für unsere Gesundheit förderlich.

Schlaf hat definitiv eine erholsame Funktion. Während des Schlafens füllen wir die Energiereserven auf, die wir im Laufe unseres Tages verbraucht haben. Um beispielsweise den täglichen Bedarf zu decken, verbraucht Ihr Gehirn Glykogenspeicher für Energie.

Schlaf ist die beste Gelegenheit, die Anforderungen an das Gehirn zu verringern, damit zugleich die Vorräte wieder aufgefüllt werden können.

Selbstheilung durch gesunden Schlaf

Wie Schlaf zur Aufrechterhaltung eines gesunden Gehirns beitragen kann, wurde nun erläutert. Erhält unser Gehirn ein Signal, dass im Körper etwas Gefahr läuft, aus der gesunden Balance zu geraten, aktiviert es die Selbstheilungskräfte. So zum Beispiel repariert und erneuert der Körper permanent Zellen, ohne dass wir es wahrnehmen. Außerdem werden Abfallstoffe ausgeschieden, um unseren Körper gesund zu erhalten. Genau so macht es auch das Gehirn, weil es ja Teil des Körpers ist. Körper und Gehirn heilen sich selbst.

Diese Selbstheilung können wir durch Pausen, Meditation und erholsamen Schlaf unterstützen. Warum ist Schlaf so wichtig? Damit das Gehirn die drei Tätigkeiten Ihrer Gesundheit zuliebe in Ruhe durchführen kann. In diesem Sinne: Schlafen Sie gut.

Quellen:

Marc Dingman. Das Gehirn Neueste Erkenntnisse der Neurowissenschaften über unser wichtigstes Organ und seine Macken. Gebundene Ausgabe. April 2020

MTA Dialog: Was passiert bei Schlafmangel? Warum unser Gehirn Schlaf braucht.

Wikipedia Fakten:

https://de.wikipedia.org/wiki/Gehirn

Wer viel schläft so wie hier in der Hängematte, bleibt gesund.
Guter Schlaf – gute Gesundheit. Foto von Andrea Piacquadio von Pexels